Personen im Gleis verschwunden

… mit solchen Meldungen wird man als Bahnfahrerin gelegentlich überrascht. „Teilausfall, Personenschaden, Streckensperrung“ Es gibt im Deutschen so wunderbar trockene Komposita, die haben einen herberen Abgang als jeder Saale-Unstrut Wein.

Mit einigem Abstand kann ich das Bahnchaos vom Dienstag mit Humor nehmen wie Ihr seht, aber am Dienstag in Bonn sah das ganz anders aus.

Rechtzeitig erschien Frau nach 5 Tagen straffer Weiterbildung (mit ebenso straffender Wirkung fürs Gewebe – siehe Bericht von gestern) am Hauptbahnhof, nur um auf der Anzeigetafel „ca. 60 min später“ hinter meinem ICE zu sehen.

Also nix wie an den Infoschalter an dem zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viele Menschen standen. „Sie kommen bestimmt noch bis Frankfurt.“, erklärte mir die Dame. „Ich kann Ihre Zugbindung aufheben.“ Ich darauf: „Und wie komme ich dann von Frankfurt nach Hause?“ Ihre Antwort war ein Schulterzucken.

Nun hieß es Plan B aktivieren, der hießt Birgit in Köln, wobei diese wunderbare Frau natürlich eine schmeichelhaftere Bezeichnung als „Plan B“ verdient hat.

„Ja, Sie können Ihre Fahrt auch abbrechen. Dafür müssen Sie aber in die Schalterhalle gehen.“ Abbrechen? Ich wußte gar nicht, das man das so nennt, auch wenn man noch gar nicht losgefahren ist.

Nun gut, in der Schalterhalle war es nicht mehr ganz so luftig wie vor dem Info-Point. Ich zog dennoch guter Stimmung eine Nummer an einem Automaten, der mir in schöner roter Schrift offenbarte: „Aktuell beträgt die Wartezeit > 15 min!“ Das, Ihr Lieben, war reichlich untertrieben.

Auf meinem Zettelchen, das ich am Ende nach rund 80 Minuten Wartezeit abgeben musste, stand 17:34 Uhr. Ich hätte dieses kleine Stück Papier gern verscrappt, denn es war mir natürlich nach so vielen Minuten langsam ans Herz gewachsen. Doch erstens hatte es sich mit meinem Handschweiß vollgezogen und zweitens musste der Herr am Schalter es natürlich einkassieren. (Wahrscheinlich heizt die Bahn im Winter damit ihre Züge.)

Es war also schon 19 Uhr als ich endlich dran kam und es sollte noch besser kommen. Der gute Mann am Schalter erklärte mir stirnrunzelnd Folgendes:

„Als Sie sich vorhin informiert haben, betrug die Verspätung 60 min. Davon hat der Zug ein wenig herausgefahren und aktuell beträgt die Wartezeit (genauer betrug sie, denn der Zug war ja inzwischen weg) nur noch 40 min. Was Sie da haben ist ein Sparticket …“, er nahm seinen Finger und tippte wild auf meinem Fahrschein herum, „keine Erstattung steht hier! Wir hätten Ihnen die Zugbindung aufgehoben und ein Hotel für unterwegs bezahlt. Jetzt kann ich Ihnen nur ein neues Ticket verkaufen.“

Meinen entsetzten Blick ignorierend ergänzte er, „Fahrgastrechte macht eine andere Abteilung.“ und reichte ein Formular über den Tisch. „Aber erst mal müssen Sie ja heute noch nach Köln kommen.“

Bei seinem süffisanten Lächeln hätte ich stutzig werden müssen, aber weil meine Knie wie Feuer schmerzten, meine Ohren schon sausten und meine Nerven kurz vor dem Durchschmoren waren, wollte ich dieses Ticket und natürlich noch eins für den nächsten Tag von Köln nach Jena. Wie voll der ganze Bahnhof inzwischen gelaufen war, sollte ich erst sehen, als ich später zu meinem Gleis gehen wollte.

„Von Köln nach Jena gibt es keinen Sparpreis mehr. Das ist Ihnen klar, oder.“, verkündete der Herr im lufthansafarbenen Anzug mit rotem DB Logo und stelle diese Frage bestimmt nur rhetorisch. „Ja, klar. Wann geht nochmal der nächste Zug nach Köln?“

„In 4 Minuten. … Wenn wir hier schnell miteinander durch sind, dann schaffen Sie den noch.“ Miteinander durch? Junge, ich wollte nur einen Fahrschein und keinen Poetry-Slam Wettbewerb gewinnen.

Mein Hyperventilieren brachte nichts als mehr Treibhausklima in der Halle . Es war völlig unnütz, denn auch dieser Zug hatte 20 Minuten Verspätung. Aber woher sollte ich das zu diesem Zeitpunkt wissen. Der Herr am Schalter jedenfalls, wußte es nicht. … Heureka!

Dumm nur, dass wohl auch der Zug dvor meinem Zug Verspätung gehabt haben musste (das ist Plusquamperfekt, also vollendete Vergangenheit, wenn ich mich recht erinnere), denn es fanden bei Weitem nicht alle Fahrtinteressierten im Regionalzug von Bonn nach Köln statt. Selbst Schuld, wenn man an solchen Tagen einen Kinderwagen oder Rollator dabei hat. *winke winke*

Ich hatte beides nicht, dafür aber einen kleinen schwarzen Rollkoffer und einen Rucksack voller Jin Shin Jyutsu Bücher, was die Eroberung eines Stehplatzes verkomplizierte und als der Zug Bonn endlich verlassen hatte, einen erheblich Teil der Fahrgäste wutschnaubend auf dem Bahnsteig zurücklassend, da fragte ich mich, wie ich wohl jemals würde aussteigen können.

Immerhin wollte mich Birgit in Hürth-Kalscheuren abholen, weil das einfach günstiger ist, als sich mit dem PKW durchs überfüllte Köln vom Hauptbahnhof nach Junkersdorf zu schlängeln. Dachten wir …

An Telefonieren war natürlich nicht zu denken, denn dafür muss man bekanntlich irgendwie mit der eigenen Hand ans eigene Handy kommen. Null Chance und so kam, was kommen musste. Auf dem stürmischen Bahnsteig im schönen Hürth-Kalscheuren erreichte mich Birgits Nachricht: „Bist Du schon losgefahren?“

Mich beschlich der Verdacht, dass die Zeitersparnis nun dahin war, die wir eigentlich im Blick gehabt hatten (wieder Plus.., Ihr wisst schon). Die Vergangenheit war nun vollendet und nachdem mir der Schweiß in der letzter Stunde in Strömen heruntergelaufen war, zogen nun heftiger Wind und Nieselregen übers Land.

Ich zog den Kragen meiner Jacke so hoch es ging und tat das, was ich inzwischen gut beherrschte: Warten. Nicht auf Godot, versteht sich, sondern auf Birgit. Wenigstens hatte ich keine Zweifel.

Ich verband das Unvermeidliche mit dem Unvermeidlichen und rief den Flauschsupport daheim an, um ihm die schlechten Nachrichten zu überbringen. So verging die Zeit im Flug, anders als in der Schalterhalle in Bonn.

Was ich ja ganz vergessen hatte, dort hatte ich mich nach den ersten 45 Minuten Wartezeit tatsächlich das erste Mal nach der versteckten Kamera umgeschaut. Und das war so gekommen …

Ihr erinnert Euch: Dörthe steht mit ihrem 17:34 Uhr – Zettel in der Hand in einer stickigen Schalterhalle voller wutgelandender bis verzweifelter Fahrgäste, besser Stehgäste.

Inzwischen ist es etwa 18:19 Uhr, kein Sitzplatz in Sicht und 5 der 10 Schalter geöffnet. An einem werden nur 1. Klasse Kunden betreut, also in den 45 Minuten, die ich seit dem Ziehen meiner Nummer anstehe, etwa 2,5 Personen. Die halbe Person kam zustande, weil sich jemand, der 2. Klasse reisen wollte, dem Schalter unwissend genähert hatte und schleunigst auf 2. Klasse zurückgestutzt wurde. Von Betreuung also keine Spur.

An einem anderen Schalter dagegen saß der Mann, den ich mir wünschte. Also jetzt nicht als Mann, Ihr versteht schon, sondern als Kundenberater oder wie die Herren am Schalter eben so heißen. Der war unglaublich flink und noch recht freundlich. Die Erklärung folgte schon rasch. Das Licht an seinem Schalter ging aus. Feierabend!

Da waren es nur noch 4… (die 1. Klasse inklusive, versteht sich).

Was passiert, wenn sich 80 Fahrgäste auf verbleibende drei Schalter aufteilen, Tickets stornieren, umbuchen oder neue kaufen müssen? Nein, kein Stau. Wo denkt Ihr hin!

Die Dame an Schalter 2 löschte das Licht und begann kleine Zettel von einem Block mit Fahrkarten abzureißen. Minutenlang. … *ratsch, ratsch*

Ich für meinen Teil hatte natürlich keinen Zweifel daran, dass das eine sehr wichtige Arbeit darstellte und hätte deshalb auch nicht aufgemuckt, aber ein kleiner Herr mit bulligem Oberkörper wollte es wissen.

Er baute sich vor dem Schalter auf, um sogleich zu erfahren, „Das gehört nun mal zu meinen Aufgaben. Ich beurteile Ihre Arbeit nicht, also beurteilen Sie auch meine nicht.“ Dabei sah die Schalterangestellte ihn an, als würde sie fest davon überzeugt sein, dass der Herr keiner regelmäßigen Beschäftigung nachginge. Nie waren wir uns während meiner 80-minütigen Wartezeit so einig wie in diesem Moment.

Irgendwann ging das Licht an Ihrem Schalter wieder an. Das muss der Moment gewesen sein, als die Menschen begannen, mit den Nummernzettel zu dealen, um in der Schlange von Wartenummer 1787 vorrücken zu können. Ich hatte Nummer „1707“ und hätte das Geschäft meines Lebens machen können.

Wie dem auch sei, den Rest kennt Ihr ja schon und ganz ehrlich, ich hätte mit niemanden in der Schalterhalle tauschen wollen, am wenigstens mit den Leuten hinter den Schaltern.

Einen schönen Abend wünscht Euch

Eure

Dörthe

PS: Kreatives gibt es morgen wieder.

10 Kommentare für “Personen im Gleis verschwunden

  1. Ines aus Gera
    8. Juni 2017 at 22:39

    Ich frage mich ernsthaft, wie du nach der Geschichte immer noch 10 Jahre jünger aussehen konntest…entweder hat doch Birgit so gut betreut oder die Weiterbildung bewirkt echte Wunder!!! Die brauche ich auch! Nicht wegen des Jüngeraussehens – sondern der Nerven aus Drahtseil.

    • Dörthe
      8. Juni 2017 at 23:03

      Gern liebe Ines,
      ich lerne es ja jetzt fleißig und nach zwei Kursen bekomme ich mein Zertifikat. Dann kann ich loslegen.
      Wenn Du bis dahin als Versuchskaninchrn zur Verfügung stehen möchtest, gern.
      Liebe Grüße
      Dörthe

  2. Sabine Müller
    9. Juni 2017 at 06:08

    Hallo Dörthe,

    tapfer hast du durchgehalten. Ich bewundere alle,die es schaffen,dabei nicht komplett auszuflippen (ich weiß,es bringt einfach nichts,aber trotzdem). Vielleicht sollte ich auch Jin Shin yutsu lernen,um auch ruhig zu bleiben und sogar jünger auszusehen. Klingt nach einem Geheimrezept,das es zu testen gilt. Wenn dein Kurs hier in Jena los geht- ich bin dabei .

    Liebe Grüße Sabine

    • Dörthe
      9. Juni 2017 at 06:48

      Na, das dauert noch ein bissel. Ich werde auch bestimmt keine Kurse geben. Das dürfte ich gar nicht. Aber ich werde praktizieren und Du kannst Dir Deine Portion Frische und Gelassenheit dann gern bei mir abholen.
      Erst einmal muss ich mich aber den wichtigsten der 144.000 verschiedenenen Griff-Kominationen vertraut machen. Das ist ein bischen wie das ausweniglernen der Akkupunkturpunkte am Körper.
      Bis es soweit ist, helfen Die Baldrian und viel Schlaf.
      LG
      Dörthe

      • Sabine Müller
        10. Juni 2017 at 07:14

        Portion Frische und Gelassenheit klingt gut. Lass mich wissen,ab wann man das Kraftpaket bekommt: Welch wunderbare Vorstellung das ist. Erst bekommt man für das Körperliche das eine,danach fürs Seelenwohl ein paar Stempelchen und Kreativtipps. Prima! 🙂

        • Dörthe
          10. Juni 2017 at 08:28

          Sobald meine behandlungsliege angekommen ist, geht es los.
          Liebe Grüße
          Dörthe

  3. Silke Pöller
    9. Juni 2017 at 09:05

    Liebe Dörthe,
    es ist unfassbar, dass du nach diesem Erlebnis (wozu auch nur die Deutsche Bahn in der Lage ist) noch so lustig schreiben kannst! Mir vergeht regelmäßig das Lachen auf meiner wöchentlichen Hendelstrecke Berlin-Leipzig, wenn man sich aufgrund der geringfügigen Überfüllung der 2. Klasse wie im Viehtransport vorkommt. Hauptsache die 3 1. Klasse Wagons sind leer, die 95 % der 2. Klassefahrer kann sich ja in die 3 restlichen Wagons quetschen. Macht Spaß bei 35 Grad ohne Lüftung!

    Aktuell darf ich jedoch über die Pendelstrecke Stendal-Droyßig fluchen, da ist garantiert Stau, da die A14 2 einspurige Baustellen hat.

    Vlt sollten wir irgendwann mal ein Buch darüber schreiben, um diese Probleme psychisch aufzuarbeiten…

    Ich wünsche dir ein entspanntes Wochenende!

    • Dörthe
      9. Juni 2017 at 11:54

      Hallo Silke,
      nervig, ich verstehe es. Aber wenn ich eins aus dem Buddhismus gelernt habe, dann ist es Ärger und Wut nicht zu nähren, denn dadurch werden sie nur größer.

      Wenn es mal nicht läuft sag ich mir, wer weiß wofür es gut ist.

      Das Bahnchaos hat mir einen weiteren Abend mit einer lieben Freundin geschenkt. Was will man mehr. Das Leben geht weiter. Gestern ist vorbei, morgen noch nicht da – also bleibt nur das Jetzt.

      Genieß es!

      Liebe Grüße
      Dörthe

  4. scrapkat
    9. Juni 2017 at 11:52

    Du hast dein Erlebnis ganz wunderbar geschireben!
    Das macht einem die Bahn ja mal wieder sowas von Sympathisch! Ich glaube ich wäre an deine Stelle Amok gelaufen! Der Öffendliche Verkehr arbeitet halt immer wieder mit Hochtouren daran, daß die Leute auch weiterhin nicht auf´ s Auto verzichten mögen!
    Gruß und schönen Start ins Wochenende,
    scrapkat

    • Dörthe
      9. Juni 2017 at 11:57

      Amok laufen bringt ja nichts, vor allem nicht, wenn man keinen Führerschein hat und am Bahnhof strandet.

      Danke für Deine netten Worte.

      Dir auch ein schönes Wochenende

      Dörthe

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