Von Wattestäbchen und Rehen

So richtig hat beides nichts miteinander zu tun, das gebe ich zu, aber für uns irgendwie doch.

Nachdem klar war, dass die Insidenzwerte steigen und steigen, haben wir uns für einen radikalen Schritt entschieden. Wir würden ins Auto steigen und die Stadt verlassen.

Seit Monaten waren wir nirgends, als zu Hause und in Jena. Nur einmal im letzten Sommer, hatten wir meinen Vater im Krankenhaus besucht. Meine Mutter haben wir also fast ein Jahr lang nicht mehr gesehen. Wir sind fünf und das ist – selbst abzüglich Flauschkind – irgendwie immer zu viel für die Auflagen gewesen. Schließlich ist die Situation in Thüringen schon länger angespannt.

Für uns stand fest, das muss ein Ende haben. Jetzt war es einfach an der Zeit für einen Kurzbesuch. Also haben wir uns in der vergangenen Woche testen lassen. Was nimmt man nicht alles in Kauf, um seine Lieben mal sehen zu können. Watte an dünnen flexiblen Stäbchen zum Beispiel, die einem durch die Nase in den Rachen gefädelt werden. *brr*

Braucht kein Mensch, sag ich Dir, aber im Moment geht es nicht anders. Sicherheit geht einfach vor. Banges Warten, dann die Befunde: Alle negativ, also konnten wir es wagen. Wenigstens einen halben Tag wollten wir uns sehen. Garten und viel frische Luft, Lüften und vorsichtig sein, aber uns nah haben, gemeinsam am Tisch sitzen. Inzwischen fühlt sich das an wie Luxus.

Die Stunden gingen viel zu schnell vorüber und es war schon dunkel, als wir uns auf den Heimweg gemacht, haben. Kurz vor der Autobahnauffahrt, aus dem Nichts ein Warndreieck auf unserer Straßenseite. Auf der anderen zweit Autos mit Licht an, eine verzweifelt wirkende junge Frau und ein junges Paar, dass ihr irgendwie gut zuredete. Der Flauschsupport konnte gerade noch rechtzeitig bremsen. Was lag da auf der Fahrbahn?

Was ich erst für einen großen Sack gehalten hatte, war ein Reh. Es lag da mit angewinkelten Vorderbeinen und schreckgeweiteten Augen. Klar, dass ich ausgestiegen bin.

Wie sich schnell herausstellte, war das Reh der jungen Autofahrerin ins Auto gesprungen, die völlig mitgenommen war.

Ganz langsam habe ich mich dem scheuen Tier genähert und da sah ich es schon. Äußerlich kein Haar gekrümmt, aber beide Hinterbeine gebrochen. Das arme Tier konnte nicht aufstehen, was es in seiner Panik immer wieder versuchte. Ich wusste dass es verloren war, doch so mitten auf der Straße konnten wir es auch nicht einfach liegen lassen.

„Opa würde es in den Kofferraum stecken und dann gesund pflegen!“, tönte es auch dem Auto von meinen Lieben, die sich dort nicht herausrührten. Glaub mir, die Sache mit dem Kofferraum war nur allzu verlockend. So ein sanftes Tier und in so einer misslichen Lage. Ich habe ihm den Hals gestreichelt und es beruhigt, während Autos um uns herum ihren Weg nahmen.

Irgendwann stieg unser Mittlerer stieg aus, um mir mit knappen Worten eine Warnweste zu reichen. „Zieh die bitte an!“
Wir warteten auf die Polizei, die schon herbeigerufen worden war, bevor wir die Unfallstelle erreicht hatten. Jedes vorbeifahrende Auto bedeutet, dass ich das verängstigte Tier an seinem Platz halten musste. Irgendwann legte es sich ab und entspannte sich ein wenig. Nicht auszudenken, wenn es in seiner Panik herumgerobbt und noch eine Massenkarambolage verursacht hätte.

Meinen Plan, es an den Straßenrand zu tragen, hatte ich schon nach einer Minute aufgeben müssen. Erstens war da die Leitplanke, hinter der es steil nach unten ging. Zweitens war der junge Mann, der zu dem aufmerksamen Paar gehörte, so entsetzt von der Vorstellung, dass er sich rasch mit seiner Freundin vom Acker machte. Keine zehn Meter würde er an das Tier rankommen, geschweige denn, es irgendwo hin tragen.

Nun ja, so blieb uns nur an Ort und Stelle zu bleiben, Reh, ich und mit etwas Abstand die junge Frau, der das Tier ins Auto gesprungen war. „Das tut mir so leid.“, sagte sie immer wieder sichtbar fassungslos und so musste ich zwei trösten, sie und das Reh und später im Auto endlich auch mich selbst.

Quälende Minuten und viele beruhigende Worte später, sah ich das Blaulicht näher kommen. Der Wagen hielt und ein freundlicher Polizist kam auf uns zugesteuert. Ein Blick auf die Situation und ihm entfuhr ein „Ach, Du Sch…!“

Auf meine Frage, ob er den Jäger schon informiert habe, blickte er ausdrucklos und voller Entsetzen. „Ob der so schnell kommen kann. Ich fürchte, das muss ich … „

Den Rest erspare ich Dir, und gesagt sei nur, dass ich ihm tief in die Augen blickte und sagte: „Bitte lassen Sie uns fahren. Ich möchte nicht, dass unser Kind das mit ansehen muss.“ Er nickte mir zu: „Okay, fahren Sie“ und ich verabschiedene mich mit den Worten: „Bleiben Sie tapfer!“, womit ich in erster Linie den Polizisten, dann die junge Frau und irgendwie auch das arme Reh meinte.

Heute beim Frühstück hat ein zerknautschtes Flauschkind mich angesehen: „Hast Du auch so schlecht geschlafen Mama? Ich hab mir ein bisschen Sorgen gemacht, dass das Reh vielleicht nicht wieder gesund wird.“ Wie gut, dass ich noch einen Moment in mein Saftglas blicken konnte, bevor ich antworten musste. „Tja, ob es wieder gesund wird, da bin ich mir auch nicht so sicher.“

Niemand von uns wird unserem Kind diese Hoffnung nehmen, selbst die großen Brüder nicht, die sie ja sonst schon mal necken. Wir haben uns gestern Abend angesehen und waren uns ohne Worte einig.

Ja, manchmal schickt uns das Leben Aufgaben, die wir lieber nicht gehabt hätten, aber so ein Abend auf nasskalter Fahrbahn macht demütig vor dem Leben. So ein schönes Tier, von einem Moment auf den anderen hilflos und ohne Aussicht auf Rettung. Ich hoffe so sehr, dass es all meine Zuneigung gespürt hat und dass es ruhig geblieben ist, als ich nicht mehr da sein und ihm tröstende Worte zuflüstern konnte.

„Mama, wie fühlt sich so ein Reh eigentlich an?“

„Warm, rau und an den Ohren ganz weich.“

Fahrt vorsichtig und schenkt denen Trost, die Trost brauchen!

Eure

Dörthe

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Alina Kurb
Alina Kurb
12 Tage zuvor

Oh mein Gott, ich habe geweint – im ernst. Du bist wirklich ein außergewöhnlicher Mensch! Danke dass du uns an dieser gleichermaßen rührenden, selbstlosen und so gefühlvollen wie traurigen Geschichte hast teilhaben lassen!
Viele Grüße
Alina